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Wochenende … oder: Wie alles begann

Dieser Beitrag wurde vor mehr als 13 Jahren veröffentlicht!
Höchstwahrscheinlich ist dieser inzwischen veraltet.

Eine Kurzgeschichte über die Zukunft unseres (Überwachungs)Staates

Anton, Bruno, Claus, Dieter und Erwin sitzen zusammen bei ihrem wöchentlichen Frühschoppen, eine liebgewonnene Tradition, die die fünf Freunde schon seit Jahren pflegen.

Man unterhält sich, man diskutiert.

Über Gott, über die Welt.

Irgendwann bringt Erwin zur Sprache, daß er am Freitag in den heise news wieder etwas über den Überwachungsstaat und so“ gelesen habe. Kein wichtiges Thema, nur ein Lückenfüller zwischen „also_diese_Jahr_muß_…_Deutscher_Meister_werden“ und „WHOW_die_neue_Bedienung_sieht_echt_heiss_aus“.

Trotzdem werden in den wenigen Minuten Gespräch etliche Meinungsdifferenzen zwischen den Beteiligten klar, aber in einem Punkt herrscht Einigkeit:

Als einer der fünf Freunde den bekannten Satz „Wer nichts zu verbergen hat, …“ erwähnt, nicken die anderen vier wortlos Zustimmung.

Ja, wie sollte so jemand etwas befürchten müssen.

Montag … oder: die Geschichte des A*

Anton hat heute einen „runden“ Geburtstag, ein guter Grund, um mit den Kollegen seiner Arbeitsgruppe zu feiern. Anton läßt einige Flaschen Bier springen, auch zwei Flaschen Sekt gehören zu so einer Feier dazu. Anton besorgt die Getränke im Firmenshop, er „bezahlt“ mit seinem Firmenausweis, ein sehr bequemer Service, den seine Firma seit kurzem anbietet.

Auch in der Mittagspause zeigt Anton sich großzügig. Er bietet den Kollegen, mit denen er auch sonst immer gemeinsam in die Kantine geht, an, den Essenspreis für sie zu übernehmen. Als diese dankend ablehnen, er habe schließlich schon genug für sie gezahlt, kann Anton sie wenigstens zu einem kleinen „Verdauungsschnaps“ überreden. Auch Anton tut diese Runde gut, schließlich fühlt er sich schon seit dem Aufstehen leicht unwohl. Das wird wohl die Aufregung wegen seines neuen Lebensabschnitts sein, da kann so ein kleiner Kräuterlikör eigentlich nur gut tun.

Am nächsten Morgen bemerkt Anton, daß das kleine Unwohlsein am Vortag der Vorbote einer kräftigen Erkältung war. Anton wird heute nicht zur Arbeit gehen, auch nicht morgen.

Einige Tage später:

Anton läuft zufällig seinem Hauptabteilungsleiter über den Weg. Als dieser ihn fragt, weshalb er den kürzlich diese beiden Tage gefehlt habe, gerade jetzt, wo die Firma so unter Termindruck steht, gibt Anton sich noch gelassen: Ja, dumm gelaufen, dieser verdammter Virus – und das ausgerechnet jetzt, aber „shit happens“.

Als er aber anschließend mit der Frage konfrontiert wird, ob er denn „eventuell“ ein Alkoholproblem habe, reagiert Anton entsetzt.

Dienstag … oder: die Geschichte des B

Bruno ist heute zu einer kleinen Feier bei seinem Schwager eingeladen. Seltsam, auch auf dieser Feier kommt das Thema „Sicherheit“ zur Sprache. Irgendjemand meint man könne sich hier in dieser Gegend jetzt viel sicherer fühlen, jetzt wo diese Privatfirma all die notwendigen Überwachungskameras installiert habe.

Nach der Feier wartet Bruno auf die S-Bahn, die in wenigen Minuten kommen sollte. Bruno ist verantwortungsbewußt, er hat heute sein Auto daheim stehen lassen und er will auch keinen anderen dazu drängen, ihn heimzufahren. Obwohl, unangenehm ist die jetzige Situation schon, dieser Druck im Unterleib, vielleicht hätte er doch beim Verlassen der Feier noch einmal die Toilette benutzen sollen.

Die Minuten verrinnen, die S-Bahn läßt auf sich warten, der Druck steigt, er wird schier unerträglich.

Bruno überlegt. Soll er? Soll er nicht? Nein, Bruno ist zivilisiert, er wird nicht.

Und dann tut er es doch. Die S-Bahn ist bereits 15 Minuten überfällig und auch die Fahrt wird noch einmal 25 Minuten dauern.

Bruno sucht sich einen Baum. Und selbstverständlich sieht er sich vor seiner Aktion sorgfältig um, niemand soll ihn dabei beobachten.

Bruno hat Glück, kein Auge sieht sein schändliches Treiben. Kein menschliches Auge.

Einige Wochen später:

Die Kollegen im Büro tuscheln. Sie tuscheln hinter seinem Rücken, sie kichern hinter seinem Rücken, sie tun es schon seit Tagen.

Bruno kann dieses Verhalten nicht einordnen.

Auch als ihn ein Kollege beiseite nimmt, und ihn fragt ob er JuhTuhb (oder so ähnlich) kenne, kann Bruno mit diesem Hinweis nichts anfangen.

Bruno reagiert verwirrt.

Mittwoch … oder: die Geschichte des C*

Claus wird alt. Höchste Zeit, sich um eine zusätzliche Rentenversicherung zu kümmern. Natürlich mit Schutz vor Arbeitsunfähigkeit.

Heute wird er die Versicherung, für die er sich bereits entschieden hat, im Internet besuchen. Er wird das Online-Formular ausfüllen, ausdrucken, unterschreiben, der Versicherung zuschicken. Ja, das wird er tun.

Wobei, die Fragen im Formular sind kompliziert. Viele Fragen versteht Claus einfach nicht.

Zum Glück sind alle Felder des Formulars mit ausführlichen Hintergrundinformationen verlinkt. Claus nutzt diese Serviceleistung. Wo immer eine Frage ihm Schwierigkeiten bereitet, informiert er sich, bevor er antwortet.

Claus will keinen Fehler begehen.

Einige Monate später:

Der Ernstfall ist eingetreten. Nie im Leben Rückenprobleme gehabt, bis vor kurzem sogar noch Seniorensport betrieben, und jetzt das: Bandscheiben kaputt.

Leider klappt es nicht so reibungslos mit der Versicherung, Claus wird zu einem Gespräch gebeten. Der Sachbearbeiter erklärt ihm, es sei schon merkwürdig, wenn so kurz nach Vertragsabschluß der Versicherungsfall eintreten würde. Und irgendwann rutscht dem Sachbearbeiter der Satz heraus, es sei schon merkwürdig, daß sich Claus ausgerechnet über Rückenprobleme informiert habe.

Claus weiß nicht, wie er reagieren soll.
Dürfen die so etwas überhaupt?
Und falls nicht, wie kann er sich wehren?
Claus ist alt, aber er ist nicht senil.
Dennoch weiß Claus im Augenblick nicht, wie er reagieren soll.

Donnerstag … oder: die Geschichte des D*

Dieter kauft sich ein neues Jacket, toll gestylt und so billig. Als er an der Kasse die Kreditkarte zückt, bemerkt er ein winziges Ettikett mit der Aufschrift „RFID“. Auf Nachfrage erklärt ihm der Verkäufer, dies habe „irgendetwas mit Logistik oder so“ zu tun und wirke sich positiv auf den Preis aus. Ja, der Preis ist echt günstig, dazu noch der Nachlaß dank Kundenkarte.

Dieter zahlt.

Einige Jahre später:

Dieter versteht die Welt nicht mehr. Da erklärt ihm ein Kriminalbeamter, daß seine Jacke am Tatort eines Kapitalverbrechens gefunden wurde. Ja, Dieter erkennt seine Jacke wieder.

Und ja, Dieter kann dem Herrn in Uniform versichern, daß er seine Jacke kürzlich in die Altkleidersammlung gegeben hat.
Aber der ungläubige Blick seines Gegenübers irritiert Dieter.

Als ihm der Beamte vorschlägt, einen DNS-Test zu akzeptieren – selbstverständlich nur zu seiner Entlastung – reagiert Dieter erleichtert.

Dieter signalisiert Zustimmung.

Freitag … oder: der Irrtum des E*

Freitag, heisa, heise-Tag, früher Morgen. Erwin liest wie immer die heise news. Eine Nachricht verunsichert ihn: „Deutsche Unternehmen kontrollieren zunehmend den Web-Zugriff ihrer Mitarbeiter“.

In der Frühstückspause denkt Erwin nach:
Ja, er liest die heise news jeden Tag ausführlich während der Arbeitszeit.

Und ja, er beteiligt sich regelmäßig an den Diskussionen. Wer, wenn nicht er, kann diesem roten Gesocks Contra geben? Wer, wenn nicht er, kann diesen subversiven Beiträgen eine staatstragende Alternative entgegensetzen?

Erwin weiß, nur Leute wie er können 1984-Paranoikern mit sachlichen Argumenten begegnen, nur Leute wie er schützen SEINE Firma vor den Linken, nur Leute wie er verteidigen SEINE freiheitlich-demagogische Grundordnung.

Deshalb ruft er nach der Pause den betreffenden Artikel erneut auf, selbstsicher beteiligt er sich an den einzelnen Threads, jeden seiner Beiträge beendet er (in Großschrift) mit „WER NICHTS ZU VERBERGEN HAT, HAT AUCH NICHTS ZU BEFÜRCHTEN!“.

Einige Stunden später / bzw.: Was Erwin jetzt noch nicht weiß:

Was Erwin jetzt noch nicht weiß:
In einigen Stunden wird er zu einem Gespräch in die Personalabteilung gebeten werden,
einer der Herren in Dunkelgrau wird das Gespräch diplomatisch beginnen mit: „Schön, daß Sie hier sind. Wir versichern Ihnen, SIE HABEN ABSOLUT NICHTS ZU BEFÜRCHTEN …“

Nachtrag … oder: machen wir die Woche vollständig

Für den Samstag Für den Sonntag

Entnommen (und leicht für den Blog überarbeitet) dem heise Forum

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